Vision und Leitbild

 

Das Weiß im Auge des Gegenübers. Für ein Theater der Reise.

Jan-Christoph Gockel, Laurenz Leky, René Michaelsen

 

Für ihre theatrale Fallstudie Kongo Müller reisten Jan-Christoph Gockel und Laurenz Leky im Januar 2014 in das Krisengebiet Ostkongo. Später im gleichen Jahr schloss sich für das vom Theater im Bauturm zusammen mit africologneFESTIVAL realisierte Projekt Coltan-Fieber eine gemeinsame Reise nach Burkina Faso an, auf der beide zufällig zu Zeugen der Revolution wurden, durch die Präsident Blaise Compaoré aus dem Land gejagt wurde. Für den Siebten Kontinent hat das Theater im Bauturm in Zusammenarbeit mit dem Staatstheater Mainz und dem africologneFESTIVAL Jan-Christoph Gockel erneut auf eine große Reise geschickt. Gemeinsam mit seinem Team verbrachte er im März 2017 zehn Tage auf Hawaii, um dort einen Ort zu besuchen, an dem sich die ökologische Katastrophe, die durch den alltäglichen weltweiten Verbrauch von Plastik verursacht wird, besonders drastisch beobachten lässt: Kamilo Beach, der schrecklichste Strand der Welt, verschmutzt durch Plastikreste aus den Müllstrudeln im Pazifik und die Kadaver  verendeter Tiere, die das Mikroplastik nicht mehr von ihrer Nahrung unterscheiden konnten.  Ausgehend von ihren gemeinsamen Projekten formten Leky und Gockel am 12. April 2017, unterstützt von Dramaturg René Michaelsen, ihre Gedanken, die Verbindung von Theater und Reise betreffend, zu folgendem Manifest.

 

Das Internet suggeriert uns, dass wir permanent mit der ganzen Welt in Kontakt stehen. Neurowissenschaftliche Untersuchungen besagen allerdings, dass man das Weiß im Auge seines Gegenübers sehen muss, damit ein Dialog wirklich Veränderung im Gehirn bewirkt. Damit eine Kommunikation stattfindet, die eine gegenseitige Veränderung ermöglicht. Vor diesem Hintergrund entsteht das Plädoyer für das Theater der Reise: Du musst da hin und mit den Menschen sprechen, die es betrifft. Schauspielerinnen und Schauspieler sind es gewohnt, sich neuen Kontexten auszusetzen, sich einzuarbeiten – in Stücke, in Stoffe, in Figuren. Und die schickt man in die Welt. Die gehen von der Probebühne raus in die Welt. Die sehen das Plastik, die fassen das an und riechen das. Die sprechen mit den Einheimischen, mit den Aktivisten. Die sehen den Kongo im Auge des Gegenübers. Die sehen den Staub, die Gewalt im Kongo. Die kriegen den Durchfall. Die werden zu Zeitzeugen. Die geraten in eine Revolution. Die sehen die Leute, die die Revolution feiern. Wenn Du es in der Zeitung liest, sieht es einfach aus wie Zeter und Mordio und Du siehst gar nicht das Schöne, das Positive daran, an der Veränderung. Das kann man hier gar nicht sehen. Du erhältst es zu Hause präsentiert durch tausend Filter. Erst wenn Du vor Ort bist, siehst Du die ganze Ambivalenz. Du siehst das Positive, du siehst das Negative. Der Eindruck ist unmittelbar, nicht verarbeitet. Unmittelbar und sinnlich. Schauspielerinnen und Schauspieler sind das gewohnt, deren Ausbildung besteht darin, Ideen und Gedanken zu versinnlichen. Sie bringen die Erfahrung aus der Welt zurück ins Theater. Und dort sieht der Zuschauer wiederum das Weiß im Auge des Schauspielers. Der erlebt sinnliche Vorgänge. Der Schauspieler wird zum Medium, zum Boten verkörperlichter Erfahrung. Der Schauspieler ist ein lebendiges Medium, in das sich etwas einschreibt, was kein anderes Medium zeigen kann.

 

Das Reisetheater erhebt kein Plädoyer für unbedingte Authentizität. Es versteht sich nicht als dokumentarisches Theater im Sinne von: Ich war da, ich weiß es jetzt. Es soll nicht heißen, dass der Schauspieler, der den Durchfall im Kongo erlebt hat, die Rolle besser, echter spielen kann. Natürlich wird jede Erfahrung durch die Transformation auf der Bühne auch fiktionalisiert. Es geht daher nicht darum, Vorgänge zu verifizieren, sondern die Wahrnehmung und das Wissen über die Welt durch die Berichte von Augenzeugen zu erweitern, die dann der Fähigkeit des Publikums zur Kontextualisierung anheimgestellt werden. Dabei bleiben alle kritischen Einwände, die das Theater in den letzten Jahren gegen Mechanismen der Repräsentation auf der Bühne entwickelt hat, erhalten.

 

Die Bewegung, die zum Verlassen der eingeübten Perspektive führt, ist das Einzige, was uns retten kann. Erst dadurch, dass sich Schauspielerinnen und Schauspieler in der Welt bewegen, mit direkt Betroffenen sprechen und fremde Kontexte sensorisch erfassen, wird eine unmittelbare Erfahrung möglich. Sie fahren in die Welt und wissen noch nicht, was das mit ihnen macht. Sie erleben die Welt noch ohne die Filter, die für jeden Bericht von ihr notwendig werden. Natürlich setzt auch die Inszenierung später wieder die ihr angemessen erscheinenden Filter an. Aber sie kann diese Filter selber bestimmen und über den Darstellungsapparat des Theaters kritisch reflektieren. Sie muss sich nicht auf die Vorselektion von Informationen durch Andere verlassen, sondern vertraut auf die Evidenz des selbst Gesehenen.

 

Schauspielerinnen und Schauspieler gehen hinaus in die Welt und setzen sich ihr aus, in ihrer ganzen Unberechenbarkeit. Dabei treffen Sie auf die Geschichten und Erfahrungen der Einheimischen und lernen ihre Sicht auf die Erzählungen Europas kennen. Das Stück, das die Studierenden der Theaterwissenschaft in Honolulu im Rahmen des dortigen Previews des Siebten Kontinents zur Aufführung brachten, war ihre Version von Hans Christian Andersens Däumelinchen – gelebter Perspektivwechsel. So ermöglichen Schauspielerinnen und Schauspieler letztlich eine Form sinnlicher Globalisierung und animieren auch das Publikum, seinen gewohnten Kommunikationsraum zu verlassen. Die suggerierte Globalisierung durch das Internet bleibt oft eng und bewirkt eine Lähmung. Man fühlt sich der Welt nicht verbunden, sondern wird nur mit ihr konfrontiert. Aber man muss sich mit ihr verbinden, weil man sonst ohnmächtig wird. Man muss die Festung seiner eingeübten Meinungen verlassen, um draußen mit den Menschen zu sprechen, die nicht von sich aus ins Theater kommen. Setzt die Leute aus dem Theater auf die Gasse fordert Büchner in Dantons Tod. Wir ergänzen: Holt sie danach zurück und lasst sie vergessen, dass da ein Theater ist. Der schwarze Raum ist keine Abstellkammer im Seitenflügel unserer Meinungsfestungen. Der schwarze Raum beherbergt die Welt und macht erfahrbar, was in den Nachrichten untergeht.