Eine Koproduktion von „GbR Glaube, Liebe, Hoffnung“ und Theater im Bauturm
Eigentlich geht es nur um wenig. 150 Mark bräuchte Elisabeth, um sich eine neue Existenz aufzubauen. In ihrer Not meldet sie sich beim Anatomischen Institut, um dort ihren Leichnam schon zu Lebzeiten zu verkaufen. Ein Präparator leiht ihr die benötigte Summe. Als sich herausstellt, dass sie damit ein Bußgeld beglich, bezichtigt er sie des Betruges. Sie wird zu 14 Tagen Haft verurteilt. Nach ihrem Gefängnisaufenthalt lernt sie einen Polizisten kennen, der ihr die große Liebe verspricht. Als er von ihren Vorstrafen erfährt, verlässt er sie. In ihrer Verzweiflung geht Elisabeth ins Wasser…. Trotz Rezession und Arbeitslosigkeit versucht die Protagonistin ihr Glück zu machen, doch sie geht zugrunde an dem reglementierten Staatswesen, an einer Arbeitswelt, die ihr verschlossen bleibt, und an dem Egoismus ihrer Mitmenschen.
Horváths Stück, das er 1932 zusammen mit dem Gerichtsreporter Lukas Kristl verfasste, basiert auf einer wahren Begebenheit. Eine Zeitungsnotiz diente zur Vorlage für diesen modernen Totentanz, der schonungslos den Kampf zwischen einem Individuum und der Gesellschaft beschreibt und die prekär Gestrandeten des kapitalistischen Systems im Abgrund umkreist.
Harald Demmer inszenierte am Theater im Bauturm bereits zahlreiche Stücke (u.a. Mutters Courage, Der Kick und Terrorismus) und gehört zur hauseigenen Regie-Gruppe. Mit der Inszenierung Der Kick erhielt er den Kölner Theaterpreis 2007.
Ödon von Horváth, geboren 1901, österreich-ungarischer Abstammung, wurde vor allem bekannt durch seine Stücke Geschichten aus dem Wiener Wald, Glaube Liebe Hoffnung und Kasimir und Karoline. In seinen Theaterstücken und Romanen verbinden sich das Interesse am Menschen mit einem genauen und kritischen Blick auf die Wirtschafts- und Lebensbedingungen im Deutschland der 1930er Jahre.
Hitlers Machtergreifung 1933 zwang Horváth ins Exil in Österreich und später Ungarn. Glaube Liebe Hoffnung wurde 1936 in Wien uraufgeführt. Die nächste Aufführung folgte 1938 in Paris: veranstaltet von einer Gruppe deutscher Emigranten zur Erinnerung an Horváth, der am 1. Juni 1938 auf den Champs-Elysées von einem herabfallenden Ast erschlagen wurde. Er trug eine Zigarettenschachtel bei sich, auf der in seiner Handschrift geschrieben stand: „Was falsch ist, wird verkommen, auch wenn es heut regiert. Was echt ist, das soll kommen, auch wenn es heut krepiert.“
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Pressestimmen: „Eine junge Frau, die in Krisenzeiten im Voraus ihren Leichnam an die Anatomie verkaufen würde, um Startkapital für eine Existenzgründung zu erhalten – die Aktualität von Horváths in den 1930er Jahren entstandenem Repertoireklassiker erklärt sich anno 2009 von selbst. Harald Demmer verzichtet aber in seiner Inszenierung auf krampfhaft zeitgenössische Querverweise. Wie sich jene Elisabeth (trotzig: Marie-Theresa Lohr) so sehr verfängt im Paragrafendschungel eines kapitalistisch-patriarchalischen Systems, dass sie immer mehr ins Taumeln gerät und dann aus dessen Umlaufbahn katapultiert wird, das symbolisiert Demmer durch eine schräge Drehscheibe, die die Bühne dominiert und dem Balancevermögen der Akteure einiges abverlangt.“ Kölner Stadt-Anzeiger
„Warum will man das also noch einmal sehen? Weil das Theater zu einem rituellen Ort werden kann, an dem sich eine soziale Opferung beobachten lässt. Gleich einer Hinrichtung wird Elisabeths Schicksal vorgeführt, einen Ausweg gibt es nicht. Im Zentrum des Kreisels liegt sie schließlich hingestreckt. Ein intelligenter Umgang mit dem Stoff, der die Rolle des Publikums immer mitdenkt. Auch dank des starken Ensembles ein Theaterakt der besonderen Art.“ Kölnische Rundschau
„Das dunkle Stück lebt davon, dass Horváth um die verzweifelte Elisabeth eine Reihe von mindestens ebenso unglückseligen Gestalten gruppiert hat. Den schmierigen Präparator, der Zuwendung und so etwas Ähnliches wie Liebe nur von seinen Haustieren erwarten kann, den pflichtversessenen Schupo Alfons Klostermeyer, der nicht merkt, dass er an seinem Karrierestreben erstickt, oder die hysterische Miederwarenhändlerin Irene Prantl, die ausschließlich neue Absatzmärkte im Sinn hat und dabei nicht mitbekommt, dass sie ihre Angestellte mit zugrunde richtet. Ein schaurig-schönes Panoptikum gefallener und verlorener Existenzen.“ Akt.6 Oktober ’09
Spieldauer:
1 Stunde 30 Minuten
Aus unserem Gästebuch im Theaterfoyer:
Super gut gespielt – entführt in eine andere Welt - nachdenken Jule am 06.03.2010
Ein hochaktuelles Thema, spannend inszeniert, sehr gute Darstellung aller Schauspieler Peter und Mechthild Skoda am 25.02.2010
Ich war fasziniert , wie sie alle es rübergebracht haben ! Eine dramatische Geschichte. Sehr gute Schauspieler. Respekt Abendgymnasium Köln am 03.12.2009
Herzlichen Dank für eine großartige Vorstellung!
Eine tief beeindruckende Inszenierung, wunderbare Schauspiel-
kunst und Harald, ich habe dich total wiedererkannt…Super Nina am 23.09.2009
Nach "Werther" und "Don Karlos" wieder eine sehr gelungene Vorstellung!! Einfach super! Anke & Thil am 13.09.2009 weiterlesen