africologneFESTIVAL

Im Juni 2011 fand das erste africologneFESTIVAL in Köln statt. Vorausgegangen waren eine langjährige Beschäftigung des Theaterleiters Gerhardt Haag mit den Theatertraditionen und Festivals hauptsächlich in Westafrika und mehrere Gastspiele afrikanischer Compagnien. Im Februar 2010, anlässlich der Grundsteinlegung zum Operndorf von Christoph Schlingensief bei Ouagadougou/Burkina Faso, stellte Gabrielle von Brochowski, ehemalige Botschafterin der EU in Westafrika, den Kontakt zwischen Haag und Etienne Minoungou her. Minoungou ist Mitgründer des Ensemblenetzwerks „Le cartel“ und Leiter des Récréâtrales-Festivals in Ouagadougou. Das Récréâtrales ist ein biennales, produzierendes Festival für Theater und verwandte Bühnenkünste und hat sich zum bedeutendsten Festival der Darstellenden Künste in Westafrika und darüber hinaus entwickelt.

Im Herbst 2010 war Kerstin Ortmeier, Dramaturgin des Bauturms, an das Récréâtrales „ausgeliehen“ und betreute dort über 6 Wochen drei Produktionen als Dramaturgin. Zurück aus Burkina Faso beschlossen Haag und Ortmeier: Ein derart interessantes und künstlerisch hochwertiges Festival des afrikanischen Theaters soll es in Deutschland auch geben. Das war der Grundstein zum Konzept des africologneFESTIVALS.

Im Januar 2011 stellten wir bei der Kulturstiftung des Bundes einen entsprechenden Antrag und seitdem ist die Stiftung Hauptfinanziererin der Festivals. Auch die Stadt Köln und das Land NRW konnten wir von dem Konzept überzeugen und zusammen mit der DEG (Deutsche Entwicklungsgesellschaft mbH – KfW Bankengruppe) und weiteren Stiftungen und Privatpersonen kann seit 2011 das biennale Festival durchgeführt werden. 

Zwischen den bisherigen africologneFESTIVALs (also in den Jahren 2012 und 2014) konnten wir jeweils eine Koproduktion mit Partnern in afrikanischen Ländern realisieren. 2012 schrieb Wilfried N’ Sondé sein erstes Theaterstück für uns: Ombres d’espoir – Schatten der Hoffnung. Mit einem deutsch-burkinischen Ensemble inszenierte der bekannte burkinische Film- und Theaterregisseur Dani Kouyaté, die Ausstattung besorgte Flawia Schwedler aus Deutschland. Das Stück erzählt, wie Angst und Misstrauen entstehen und eine Beziehung von innen zerfressen können. Uraufführung war im Oktober 2012 in Ouagdougou, Europa-Premiere war beim africologneFESTIVAL 2013. 

Bereits 2013 begannen wir eine intensive Beschäftigung mit dem Erz Coltan, dessen Hauptabbauregion im Osten der DR Kongo liegt und mit dessen Abbau und Handel sämtliche Seiten die kriegerischen Auseinandersetzungen in der Region finanzieren. Wie in einem Brennspiegel werden hier Licht- und Schattenseiten der sog. Globalisierung sichtbar: Ohne Coltan keine Mobiltelefone, keine Spielekonsolen, Herzschrittmacher, Laptops, Kameras und andere elektronische Geräte, die für unseren Wohlstand und unser Lebensgefühl unentbehrlich scheinen. Andererseits: brutale Ausbeutung in den Coltan-Minen, Kinder- und Sklavenarbeit, Vergewaltigungen – und alles mitten in kriegerischen Auseinandersetzungen.

Zunächst beauftragten wir Aristide Tarnagda, aufgrund von Recherchen vor Ort einen Stücktext zu schreiben. Daraus sind dann zwei Stücke entstanden: Unter der Regie von Jan-Christoph Gockel entstand mit seinem kongolesisch-haitianisch-belgisch-deutschem Ensemble Coltan-Fieber, eine Performance, die den Weg des Coltans von der Gewinnung über die Verarbeitungsstationen bis in die Wohn- und Kinderzimmer in Europa spiegelt; Aristide Tarnagda inszenierte sein Stück Musika selbst mit einem kongolesisch-burkinischen Ensemble. Proben und Uraufführung waren in Ouagadougou während der Zeit des Volksaufstands im Oktober/November 2014. Anschließend konnten wir die Stücke in Kinshasa (DR Kongo) und Brazzaville (Republik Kongo) weiterentwickeln und zeigen. Diese Erfahrungen haben wir in einer Broschüre veröffentlicht. Im Juni 2015 hatten beide Produktionen beim dritten africologneFESTIVAL in Köln Europa-Premieren. 

Ziel ist es, das africologneFESTIVAL zum einen noch weiter in der Stadt zu verankern und gleichzeitig in andere Städte, hauptsächlich in NRW, auszudehnen.

Wir wollen mit den Festivals im Zweijahresrythmus Einblicke geben in das vitale und hochentwickelte Theater- und Bühnenschaffen in verschidenen afrikanischen Ländern. Wir wollen die Zusammenarbeit zwischen Theaterschaffenden aus afrikanischen Ländern mit und und Kolleg_innen aus anderen europäischen Ländern entwickeln.

Das africologneFESTIVAL ging 2015 in die dritte Runde. Und das in einer historisch äußerst aufregenden und aufgeladenen Situation. Täglich hören wir von Tragödien auf dem Mittelmeer, wo tausende Menschen sterben auf dem Weg aus der Hölle von Krieg, Ausbeutung, Korruption, Perspektivlosigkeit und Armut. Wie dramatisch muss die Situation sein, dass Menschen den eigenen Tod bewusst in Kauf nehmen. Gleichzeitig formieren sich in vielen europäischen Ländern Protestbewegungen gegen die Abschottungspolitik der EU. Die meisten Flüchtlinge machen sich keinerlei Illusionen über ihre Lebensbedingungen in Europa. Wenn wir den Berichten glauben dürfen, kommen viele der Menschen auch aus westafrikanischen Ländern. Auch aus so „entwickelten“ wie Ghana. Sicher hat jeder Mensch, der sich auf den Weg macht, seine ganz individuellen Beweggründe und Energien. Ich wage aber zwei Thesen: Aus Burkina Faso kommen deshalb vergleichsweise wenige Flüchtlinge, weil insbesondere die Menschen unter 30 Jahren, die den Hauptteil der Bevölkerung stellen, im vergangenen Jahr das Heft der Geschichte in ihrem Land in die eigenen Hände genommen haben – und weil Burkina Faso eine hochentwickelte und sehr produktive Kunst- und Kulturszene hat. 

Einen kleinen Teil dieser Szene präsentierten wir beim dritten africologneFESTIVAL! Gleich die Eröffnungsproduktion stellte unser Festival in den historischen Zusammenhang: Nuit blanche à Ouagadougou, eine Tanzperformance, die von den zahlreichen Schwierigkeiten und Problemen des Alltags erzählt – aber auch von der Phantasie einer besseren Gesellschaft in Freiheit, ohne Korruption und staatliche Gewalt. Choreograph Serge Aimé Coulibaly und Musiker Smockey ist eine fast prophetische Arbeit gelungen, die den Sturz des Langzeitpräsidenten Compaoré vorwegnahm – und die exakt zu seiner tatsächlichen Flucht aus dem Land Ende Oktober 2014 in Ouagadougou gezeigt wurde. 

Im Osten der Demokratischen Republik Kongo liegen 80% der weltweiten Vorkommen des Coltan-Erzes, aus dem das Edelmetall Tantal gewonnen wird, ohne das keines unserer geliebten und notwendigen elektronischen Geräte funktionieren würde. Der Konfliktrohstoff befeuert den dortigen Verteilungs- und Bürgerkrieg auf allen Seiten. Unsere beiden Stücke Coltan-Fieber und Musika, beide Teile unserer großen internationalen Koproduktion zum Thema Coltan, feierten nach Aufführungen in Ouagadougou, Kinshasa und Brazzaville in Köln Europa-Premiere. Zusammen mit dem Dokumentarfilm von Christian Hennecke über die Entstehung der Stücke und die Erfahrungen bei den bisherigen Vorstellungen, boten wir den Zuschauer_innen emotionales und intellektuelles Futter und Anregungen, sich mit den Vorteilen und den Problemen der Globalisierung neu und mit geschärftem Blick zu beschäftigen. Der Film ist auch deshalb besonders interessant, da er direkte Einblicke in die Stimmungen während des Volksaufstands in Burkina Faso gibt. 

Das Ende der Geduld – Protestbewegungen und politischer Wandel in (West-)Afrika – so lautete der Titel des zweitägigen africologneDIALOGFORUMs, zu dem wir Sie zusammen mit FilmInitiativ Köln eingeladen haben. Mit Aktivist_innen und Künstler_innen aus verschiedenen Ländern haben wir beraten, was es braucht, um die Zivilgesellschaften in den versch. Ländern – auch in unserem – zu stärken.

Wir waren überzeugt und es hat sich auch bestätigt, dass wir mit unserem reichhaltigen Programm viele gute Gelegenheiten boten, sich von der Kunst, dem Theater, dem Tanz, den Filmen und der Literatur aus verschiedenen afrikanischen Ländern anregen zu lassen. Für ein besseres Verständnis unterschiedlicher Kulturen, für eine friedliche Welt. 

Gerhardt Haag