Premiere

Amazonas Alfred Döblin

Eigentlich sucht Alfred Döblin die Pariser Nationalbibliothek auf, um Kierkegaard-Studien zu betreiben, doch dann bleibt seine Aufmerksamkeit an einem alten Atlas hängen. Fasziniert von den ethnographischen Karten des Amazonasgebiets beginnt er eine monatelange Recherche, die zur Basis für eines der kühnsten Projekte in der Literatur des 20. Jahrhunderts wird: die Romantrilogie Amazonas, verfasst zwischen 1935 und 1937. Ein ungewöhnlicheres Thema dürfte in der deutschen Exilliteratur auf den ersten Blick kaum zu finden sein, denn Döblin erzählt zunächst die Geschichte des Urwalds und seiner indigenen Bevölkerung. Schon bald jedoch schildert der Text den Einbruch Europas in Form der Eroberung des Amazonas-Gebiets durch die spanischen Entdecker der Conquista. Sein letzter Teil lenkt dann schließlich unter dem bezeichnenden Titel Der neue Urwald den Blick auf das Europa der 1930er Jahre, aus dem heraus die Verfolgten des Dritten Reichs nach Südamerika fliehen. Auf den knapp 1000 Seiten der Romantrilogie entfaltet sich ein erstaunliches Bild: Voll kritischem Bewusstsein für Widersprüchlichkeit und Brutalität der Kolonialisierung und mit differenziertem Blick für die Heterogenität indigener Kulturen erschafft Döblin ein einzigartiges weltgeschichtliches und ökologisches Panorama. In ihm klingt ein Thema an, das erst Jahrzehnte später in den Fokus der Literatur gerät und auch heute noch längst nicht zu Ende diskutiert ist: die Verantwortlichkeit Europas für Prozesse globalen Strukturwandels, die die Zerstörung der Natur und die Ausbeutung ganzer Bevölkerungsgruppen mutwillig in Kauf nehmen.

Eine Koproduktion der Universität Mozarteum Salzburg und Theater im Bauturm

 

Drei Fragen an das Team von "Amazonas"

Döblins Roman „Amazonas“ ist ein ungestümer Text: episodisch angelegt, entlegene Schauplätze und eine Handlung, die sich über mehrere Jahrhunderte zieht. Nichts an ihm scheint auf den ersten Blick theatral. Wie macht man sich einen solchen Text für die Bühne gefügig?

Es geht uns nicht darum, den Text gefügig zu machen und auch nicht darum, ihn für die Bühne zu „ordnen“. Viel mehr suchen wir Wege miteinander und mit dem Text in einen offenen Austausch zu kommen. Der Amazonas ist der längste Fluss der Welt, seine Geschichte ist uns zu großen Teilen unbekannt. Döblin versucht Bruchstücke dieser Geschichte in all ihrer Widersprüchlichkeit und Komplexität sprechen zu lassen. Gerade die Vielgestaltigkeit des Romans ermöglicht es uns, an einem eigenen theatralen Raum zu arbeiten.

Warum ist ein Text, der am anderen Ende der Welt spielt und dessen Handlung bis ins fünfzehnte Jahrhundert und weiter zurückreicht, für ein heutiges Theaterpublikum überhaupt von Belang?

Die Themen, die der Text behandelt, sind viel zu wenig kritisch diskutiert und kommen im öffentlichen Bewusstsein kaum vor. Sowohl in Europa als auch in Südamerika werden noch immer hauptsächlich romantisierte Bilder des „Entdeckens“ und der „Entdecker“ reproduziert. Entgegen dieser Bilder funktioniert für uns das Schreiben Döblins als eine offene Tür zu einer völlig neuen Perspektive auf die Geschichte und was davon überliefert ist. Dadurch ergeben sich neue Zusammenhänge im Blick auf die Vergangenheit, Gegenwart und die Zukunft. Vergangenheit kann anders gedacht, Gegenwart anders gelebt und Zukunft anders entworfen werden.    

Mit welchen anderen KünstlerInnen habt ihr euch im Zuge der Probearbeit beschäftigt?

Maria Thereza Alves, Gloria Anzaldúa, Milton Nascimento, Sayak Valencia, Brion Gysin, Pauline Oliveros, Eliane Radigue, La Ricotta, Ron Athey, Guillermo Gómez-Peña, James Luna, Paul Chaat Smith, Gary Farmer, Louise Bourgeois, Sarah Davachi, Pharaoh Sanders, Silvia Federici, Tzvetan Todorov, Coco Fusco, Cesária Évora, Chico Buarque de Hollanda, Alice Coltrane, Meredith Monk, Philippe Descola, Jimmie Durham, Félix Blume, Francis Bebey, Joshua Oppenheimer, Black Mountain College, Trevor Noah, Djavan, Ryuichi Sakomoto, Romeo Castellucci, Claudia Andujar, Ciro Guerra

Trailer auf YouTube hier

und der zweite Trailer auf YouTube hier

Premiere: 02. November 2018