Premieren

Die Spielzeit 2016/17 steht unter dem Motto glokales Theater. Wir wollen herausfinden, wie sich globale Diskurse in Köln bündeln und wie umgekehrt Ereignisse, denen man bisher bestenfalls lokalhistorische Bedeutung beigemessen hat, unter entsprechender Begutachtung eine Tragweite entfalten können, die weit über Köln und das Rheinland hinausgeht. Mit unseren vier Neuproduktionen nutzen wir die ureigenste Qualität des Theaters und reagieren mit möglichst kurzer Latenzzeit auf aktuelle Entwicklungen: Ukulele Jam versucht die momentane Situation von Geflüchteten in Deutschland durch den Blick auf eine historisch gewordene Fluchtsituation - diejenige, die in der Folge des Jugoslawienkriegs zu Beginn der 1990er Jahre entstand - nachvollziehbar zu machen. Der siebte Kontinent, unsere Reise zur größten Mülldeponie der Erde führt Schauspieler, Regieteam und Publikum auf die Spuren einer weltweiten Umweltkatastrophe von dramatischen Ausmaßen, nämlich zu den riesigen Strudeln aus Plastikmüll, die sich seit einigen Jahren unter der Oberfläche des Pazifik angesammelt haben. Mit Carl Sternheims Die Hose richten wir unser Objektiv um ein Jahrhundert zurück, um daran zu erinnern, wie der perfide Stolz auf die eigene Beschränkung, den man seit Monaten bei den gespentischen Demos der bürgerlich getarnten Neuen Rechten beobachten kann, in der deutschen Geschichte schon einmal mit fatalen Folgen in Mode kam. Und mit Petermann! setzen wir schließlich jener vielleicht einzigen Figur der Kölner Stadtgeschichte ein Denkmal, die gleichermaßen für närrische Verbrüderung wie für kritisches Dissidententum steht: dem Schimpansen Petermann, der nach dem Ende seiner Karriere im Sitzungskarneval fast 30 Jahre Einzelhaft im Kölner Zoo erdulden musste, bevor er 1985 bei seinem Versuch, aus dem Käfig auszubrechen, vom Personal erschossen wurde - wohlgemerkt nach einer aufsehenerregenden Verfolgungsjagd, bei der er den Zoodirektor lebensgefährlich verletzte. An dieser Geschichte wollen wir eine Frage aufwerfen, die unsere Arbeit am Bauturm in den nächsten Jahren allgemein prägen soll und an der gewissermaßen alle Produktionen partizi pieren: Warum ist Köln gerade so wie es ist und welche Möglichkeiten gibt es, sich diese Stadt auch noch ganz anders vorzustellen?

 

 

von Nina Gühlstorff, Laurenz Leky und René Michaelsen
18
03
Sa