Premieren
SPIELZEIT 2011/2012
Suchende oder… was die Welt im Innersten zusammenhält?

Die Suche nach Wahrheit, Erkenntnis, Fortschritt, Mehrwert, Gewinn lässt uns immer wieder in ungeahnte Bereiche vordringen, bereichert uns in Wissenschaft und Technik, lässt uns regenerative Energien nutzen, haufenweise soziale Projekte starten und hehre Ziele anstreben. In Wahrheit zeigt sich allerdings, wie durchwachsen die Realität dann doch immer wieder ist, wie wir von uns selbst eingeholt werden, wie ambivalent wir agieren und wie wir oft Gefangene unserer Selbst sind oder bleiben. Egoismus und Hedonismus, die unersättliche Gier nach kurzzeitigen Gewinnen und Erfolgen, weisen immense Ausmaße auf und können auch katastrophale Folgen nach sich ziehen.

Die Atomkatastrophe in Japan beispielsweise hat zwar in Europa den Widerstand gegen die Kernenergie verstärkt, die meisten EU-Länder halten jedoch an der Atomkraft weiterhin fest. Japan ist weit weg, das Vergessen macht sich schneller breit als wir es zum Zeitpunkt solcher Katastrophenmeldungen selbst wahr haben wollen. Das Streben nach dem Idealen, Guten, Sozialen, Nachhaltigen und Sinnvollen wird nicht selten durch unser eigenes Verhalten widerlegt und konterkariert.

Diese Ambivalenz wiederum scheint zutiefst menschlich und ist gleichzeitig oft verhängnisvoll. Goethes Faust ist ein Paradebeispiel für die Krise des modernen westlich zivilisierten Menschen, der die Welt erforschen und durchdringen möchte und an ihr sowie seiner grenzenlosen Gier scheitert, da immer mehr zu Wissen keine Erlösung mit sich bringt.

Eher eifernd, sich ereifernd, gebären sich die ProtagonistInnen in Frau Müller muss weg. Den Kampf der Eltern um die Poleposition für ihre Kids, die – koste es, was es wolle – aufs Gymnasium müssen und damit aufs Sprungbrett für jegliche weitere Karriereleiter in eine erfolgreiche Zukunft beschreibt Autor Lutz Hübner: „Bei Kindern hört der Spaß auf. Da zeigt sich, wie solidarisch eine Gesellschaft wirklich ist und wie sie mit Erfolg und Niederlagen umgeht.“

Die Ohnmacht des Individuums in unseren westlichen Gesellschaften, nicht mehr Teil zu haben an Entscheidungsprozessen obwohl Informationen und Teilhabemöglichkeiten zuhauf vorhanden sind, ist Gegenstand von Hiltrud Kissels experimenteller Arbeit Der Ismene-Komplex - Psychose 2011 (Arbeitstitel). Ismene wird als zentrale Figur, die ihrer fundamentalistisch denkenden und handelnden Schwester Antigone gegenüber eher moderat und vermittelnd agiert, mit ihren Möglichkeiten vor dem Hintergrund möglicher demokratischer Verständigung untersucht. Nicht nur Stuttgart 21 oder der arabische Frühling gibt diesem Stoff seine tagespolitische Aktualität.

Edith Piaf – Süchtig nach Liebe von Ludwig Martell und Wolfgang Wittig, lässt eine Legende des französischen Chansons wieder aufleben, die auf ihre Art zeitlebens eine Suchende geblieben ist: nach dem Kern der Wahrheit und der Liebe. Sie wehrte sich von Anfang an gegen jegliche Konvention, gereichte nicht wenigen zum Stein des Anstoßes und war in ihrer Absolutheit unnachgiebig.

Der Goldene Drache von Roland Schimmelpfennig spielt vor dem Hintergrund von Ausbeutung und Globalisierung. Dieses „Sozialdrama über illegale Migranten und die Gleichgültigkeit im Tagesablauf der Welt" (SZ 7.9.2009) beschreibt die große Welt im Kleinen, genaugenommen in einem Thai-China-Vietnam-Schnellrestaurant. Die Fabel von der Grille und der Ameise nach Jean de la Fontaine wird aufs Grausamste ins Heute gebeamt, die Grille, hungrig und abhängig von der Ameise, als Sexsklavin missbraucht. Der kleine Chinese, der in den Westen kam, schwimmt am Ende wieder nach Hause, nach China, leider tot, - die Suche, hier zumindest, ist vorbei.

Woanders fängt die Suche gerade erst an…